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SEO-Optimierung nur noch mit Werkvertrag?

SEO  |   |  , 15:43 Uhr  |  10 Kommentare

Christoph BeckerDa der von Christoph Becker veröffentlichte Artikel `SEO – Ab jetzt ein Werkvertrag´ für einiges an Verwirrung innerhalb der SEO-Branche gesorgt hat, haben wir Christoph kurzer-hand gebeten, uns einige Fragen zu dem kürzlich gefällten Urteil des Landgerichts Amberg zu beantworten. Christoph Becker ist Anwalt bei der Kanzlei „Dr. Köllner, Henze und Kollegen“ und bildet unter anderem auch Datenschutzbeauftragte aus…

H. Hemken: Zunächst einmal vielen Dank, dass Du Dich kurzfristig zu einem Inter-view bereiterklärt hast. Stell Dich unseren Lesern doch kurz einmal vor. Wer bist Du und was machst Du?

C. Becker: Hallo allerseits, ich bin meines Zeichens Rechtsanwalt und komme aus Leipzig, allerdings bin ich bundesweit für die bekannte Sozietät Dr. Köllner, Henze und Kollegen tätig. Spezialisiert bin ich auf die Belange von kleinen und mittelständischen Unternehmen. Darüber hinaus bilde ich als Dozent in einer Fachschule Datenschutzbeauftragte aus.

H. Hemken: Du hast gestern in Deinem Weblog berichtet, dass das Landgericht Amberg ent-schieden hat, dass SEO-Verträge nun Werkverträge i. S. d. § 631 BGB sind. Worum ging es in dem Prozess?

C. Becker: Ursprünglich ging es um die Verletzung von Persönlichkeitsrechten beim Setzen von Backlinks, allerdings beinhaltete ein Klageantrag auch einen Anspruch auf Rückzahlung des Werklohnes. Das Gericht hatte sich also mit der viel gemiedenen Frage auseinanderzusetzen, ob auf einen SEO-Vertrag Dienst- oder Werkvertragsrecht anzuwenden ist.

H. Hemken: In diesem Fall entschied sich das Gericht für das Werkvertragsrecht. Hältst Du die Entscheidung für gerechtfertigt?

C. Becker: Darf ich hier in bester Berufsmanier: „Das kommt darauf an“ antworten? Rein rechtlich gesehen ist das Urteil völlig korrekt. Einfach ausgedrückt ist der Unterschied zwischen einem Dienst- und einem Werkvertrag, ob es bei der Leistungserbringung auf ein Ergebnis ankommt und ob dieses geschuldet sein soll oder nicht. Sind wir ehrlich, den Kunden kommt es nur auf das bessere Ranking an. Wie das erreicht wird, ist den meisten ziemlich egal. Insofern muss nach deutschem Recht ein Werkvertrag angenommen werden.

Rein praktisch gesehen haben wir hier den Fall, dass die gesellschaftliche Entwicklung das Recht überholt hat. Wir kennen das schon von den Singlebörsen. Dort wurde seitens der Anbieter anfangs auch versucht, mit verschiedenen Zusatzleistungen und Argumenten vom „Ehemaklervertrag“ wegzukommen, da dessen Lohn in Deutschland nicht einklagbar ist. Ohne Erfolg.

Gleiches gilt nun auch für den SEO-Vertrag. Aufgrund der Geheimniskrämerei von Google, der Konkurrenz und der vielen Unwägbarkeiten, kann man als SEO-Optimierer eine Steigerung des Rankings kaum garan-tieren. Auch eine Preiserhöhung um die Umsatzausfälle durch Zurückbehalten des Werklohnes zu kompen-sieren dürfte wohl für die meisten Anbieter nicht infrage kommen. Hier müsste also eigentlich der Gesetzgeber tätig werden. Allerdings ist von dessen Seite auch kaum Hilfe zu erwarten, dafür ist die Lobby der mittelständigen Unternehmen zu stark. Denen hilft es, wenn „die Kleinen“ wegsterben.

H. Hemken: Für wen gilt das Urteil des Landgerichts Amberg überhaupt, nur für das Bundesland Bayern oder auch für den Rest von Deutschland?

C. Becker: Grundsätzlich entfaltet ein Urteil in Deutschland nur auf die Prozessparteien direkte Wirkung. Präzedenzfälle wie in Amerika gibt es hierzulande nicht. Allerdings sind die Gerichte angehalten „Rechts-sicherheit“ zu schaffen und möglichst einheitlich zu urteilen. Aufgrund dieser Tatsache und der doch ziem-lich eindeutigen Rechtslage ist zu erwarten, dass sich die anderen Gerichte bei zukünftigen Urteilen an dieser Entscheidung orientieren werden. Ich hoffe natürlich, dass ich mich irre, allerdings ist die Chance darauf wohl eher gering.

H. Hemken: Was könnte das Urteil für uns SEO Agenturen am Ende dann konkret bedeuten?

C. Becker: Derzeit vor allem, dass sämtliche Standardverträge und AGB angepasst werden müssen. Im Werkvertragsrecht sind viele Reglungen enthalten, die das Dienstvertragsrecht nicht kennt. Um einige Bei-spiele zu nennen: Ab jetzt trifft die SEO-Optimierer eine Gewährleistungspflicht, die nicht abdingbar ist. Weiterhin muss das Werk vom Kunden abgenommen werden, damit ein Zahlungsanspruch entsteht. Ohne durchgeführte Abnahme ist der Werklohn gerichtlich nicht durchsetzbar. Auch kann der Kunde nunmehr laufende Verträge kündigen und muss nicht mehr den vollen Werklohn bezahlen. Hier besteht also dringend Handlungsbedarf seitens der SEO-Anbieter.

In den nächsten Monaten wird man wohl noch die Chance haben, als vertraglich vereinbarten Werkerfolg auf die „durchgeführte Leistung“ z.B. die Linksetzung abzustellen und eine „Steigerung des Rankings“ auszu-schließen. Auf Dauer kann ich mir aber vorstellen, dass die Gerichte auch dieses Schlupfloch schließen werden. Hier sei wieder auf die Parallelen zu den Singlebörsen verwiesen.

H. Hemken: Die Anbieter von SEO-Dienstleistungen sollten in ihren Verträgen also zukünftig noch detaillierter angeben, welche Leistungen sie genau erbringen?

C. Becker: Richtig. Ich empfehle auch einen Passus wie: „Der vertraglich vereinbarte Werkerfolg ist die o. a. Leistung. Eine garantierte Steigerung des Rankings ist ausdrücklich nicht Bestandteil dieses Vertrages.“ Die Frage ist, ob sich die Kunden darauf einlassen. Man sollte allerdings vermeiden, diesen Passus in den AGB zu verstecken, um das Problem zu umgehen, dort wäre er mit großer Wahrscheinlichkeit nichtig.

H. Hemken: Welche Tipps kannst Du uns SEO betreibenden Agenturen noch geben?

C. Becker: Seid ehrlich zu Euren Kunden. Klärt sie ausdrücklich und genau darüber auf, dass eine Stei-gerung des Rankings nicht versprochen werden kann. Das wird zwar dazu führen, dass einige von einer Auftragserteilung absehen, allerdings hat es wenigstens den Vorteil, dass Ihr nicht umsonst arbeitet weil Euch der Kunde hinterher nicht bezahlt. Mit „rechtlicher Gewalt“ wird man bei einer fehlenden Steigerung des Rankings wohl in Zukunft schlechte Karten haben, noch an sein Geld zu kommen.

H. Hemken: Glaubst Du, dass die Zahl der Klagen gegen SEO Agenturen mit dem Urteil steigen wird?

C. Becker: Nein. Es könnte sogar das Gegenteil der Fall sein. Da den Kunden nun das Werkzeug der Ge-währleistungsansprüche (besonders der Minderung) und die Abnahme zur Verfügung steht, kommt er erst einmal viel leichter um eine Zahlung herum. Nun ist der SEO-Anbieter am Zug und muss wohl eher seiner-seits klagen.

H. Hemken: Welche Maßnahmen können SEO Agenturen im Vorfeld treffen, um mögliche Klagen zu vermeiden?

C. Becker: Wie oben angeführt, ordentliche Verträge verwenden, gute Aufklärung der Kunden im Vorfeld und einen guten Rechtsanwalt in der Hinterhand 😉

H. Hemken: Vielen Dank für Interview Christoph. Man darf gespannt sein, welche letztendlichen Auswirkungen das Urteil haben wird.

C. Becker: Auch Dir vielen Dank. Sollten bei Euren Lesern noch Fragen aufkommen, nehme ich gern dazu Stellung, wenn ich kann.

Gretus
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Kommentare zu diesem Beitrag:

  1. Marco Rick Website sagt:

    Kurz könnte man es doch so sagen: Wer ohne SEO-Erfahrung versucht SEO zu betreiben wird scheitern, ebenso scheitert man wenn man versucht Vertragstexte zu schreiben ohne rechtliche Erfahrung. Wozu gibt es Anwälte die für ein einige hundert Euro sowas machen.

    Oben hat sich einer gut vorgestellt. Viele weitere laufen auch auf SEO-Konferenzen rum.

  2. Torben sagt:

    Einfach klar definieren: wir bringen auf jeden Fall Traffic auf Eure Seite, können aber keine speziellen Rankings garantieren. Das ist unsere garantierte Leistung.

    Wenn die Seite dann Overkill-Penalties gerät bzw. gar aus dem Index fliegt, so hat der SEO selber schuld und keinen Anspruch auf sein Honorar, was womöglich die allgemeine Qualität steigern würde.

    • Gretus Website sagt:

      Hallo Torben,

      das Garantieren spezieller Rankings sollte in Zeiten `individueller´ SERPs so oder so vorbei sein…

      Grüße

      Gretus

      • Annette Website sagt:

        Da stimme ich dir uneingeschränkt zu, Gretus. DAS Ranking gibts ja spätestens seit Google Venice nicht mehr.

  3. eric Website sagt:

    Mmmmmh. Was ich daran nicht verstehe ist die Tatsache, dass hier von „SEO-Verträgen“ gesprochen wird, aber es geht offenbar nur ums Linkbuilding. Das ist erstaunlich. Denn es sollte doch hoffentlich kaum mehr jemanden geben, der SEO mit Linkbuilding gleichsetzt. Mich hätte die Antwort auf die Frage interessiert, ob sich die Antworten des Anwalts allgemein auf „SEO-Verträge“ oder auf „Linkbuilding-Verträge“ beziehen sollen.

    Aber das frage ich ihn mal drüben auf seinem Blog…

    eric

  4. Alex Website sagt:

    Immer ruhig bleiben. Es ist ja erstmal „nur“ ein Urteil vom Landgericht, keine höchstrichterliche Rechtsprechung…

  5. Maxim Website sagt:

    Find ich sehr gut das Urteil :) und auch die Erklärungen hier.

  6. Christoph Website sagt:

    Hallo Eric,

    eine gute Frage! Wenn ich „nur“ berate oder lehre, würde ich auch weiterhin von einem Dienstleistungsvertrag ausgehen. Hier hängt ja „das Ergebnis“ maßgeblich von der Gegenseite ab. Immer wenn ich etwas schaffe, dann müsste man einen Werkvertrag annehmen. Um neben dem Linkbuilding weitere Beispiele zu nennen: Wenn ich Texte erstelle oder ändere, Keywordanalysen oder auch die Umstrukturierungen von Seiten. Auch Programmierarbeiten und selbst die Planung und Durchführung von Adwordskampagnen müssten zukünftig als Werkvertrag betrachtet werden. Bei Mischformen kommt es auf das Verhältnis an. Die meisten „Werkverträge“ haben natürlich auch eine „Beratungssparte“, spätestens bei der „Erstberatung“ oder der Einweisung in das neue System. Trotzdem bleiben es Werkverträge. Erst wenn sich der Anteil an „Dienstleistungen“ über das normale Maß hinaus erhöht, würde ich von gemischttypischen Verträgen ausgehen. Dann entscheidet im Einzelfall das Gericht, welches Recht auf welche Passage anwendbar ist. Auch die „Teilung“ des Vertrages nach verschiedenen Rechtsgebieten wäre möglich.

    Sonnige Grüße

    Christoph

  7. Udo Website sagt:

    Hallo zusammen,

    irgendwie erschließt sich mir da was nicht. Wie kann ein SEO jemals für ein Ergebnis garantieren, es sei denn er macht seine Entlohnung selbst vertraglich von der Erreichung bestimmter Positionen abhängig? Niemand kann für einen (sich unbeeinflussbar verändernden) Algorithmus garantieren im Sinne eines Werkvertrags? Und natürlich muss jeder SEO seinen Kunden klar aufklären, dass er oder sie GARANTIEREN gar nichts kann. War das je anders?

    Und was ist eigentlich mit Onsite-Maßnahmen bzw. hier der Nicht-Akzeptanz des Kunden bzgl. so mancher redaktionellen oder strukturellen Änderung? Wir hatten schon oft wirklich unbelehrbare Kunden, die von ihren aus SEO Sicht katastrophalen Inhalten einfach nicht abrücken wollten. Werkvertrag … wenn ich sowas schon höre.

    Es grüßt

    Udo

  8. Carsten Todt Website sagt:

    Ich bin gegen SEO mit Werkvertrag. Die Bewertungsmaßstäbe der Suchmaschinen ändern sich fortlaufend. Die genauen Kennzahlen sind streng geheim. Da kann man nicht für Ergebnisse garantieren. Die SEO ist sehr flexibel, und genau so sollten auch die rechtlichen Rahmenbedingungen sein.

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